Marion Körkemeier

 

Material und Behagen

Marion Körkemeier über lebendige Oberflächen, perfekte Räume und Möbel als Erinnerungsspeicher.

 

Sie sind eine Frau vieler Begabungen: gelernte Bauzeichnerin, gelernte Tischlerin, gelernte Architektin, jahrelange Erfahrung als Bauleiterin auf Großbaustellen. Woher kommt diese Affinität für das Gestalten?

Schon als Kind habe ich begeistert gehäkelt, geklöppelt, geknüpft, regelmässig Räume umgestellt, alte Möbel restauriert. Ich wollte immer experimentieren. Mich fasziniert die belebende Kraft neuer und ungewohnter Kombinationen. Außerdem liegt im Gestalten etwas zutiefst Befriedigendes. Gerade wenn man etwas Dreidimensionales schafft. Man kann es nutzen, berühren, verändern. Wir Menschen sind nicht nur visuelle Wesen, sondern vor allem auch haptische.

 

Aus der Betonung der Haptik rührt dann auch Ihre augenzwinkernde Selbstbezeichnung als »Materialienjunkie«? Sie arbeiten für Ihre Entwürfe gern mit im Möbeldesign eher ungewöhnlichen Materialien wie Faserzement, Schwarzstahl, Beton, Plexiglas, Gussasphalt.

Es gibt einfach so viele lebendige Materialen, die man nutzen kann. Man muss sich nur trauen. In der Innenarchitektur steht man oft vor der Frage: Holzfussboden, Laminat oder Fliese mit Holzoptik? Ich empfehle immer das echte Material. Nur dieses lebt, nicht die Kopie. Natürliche Materialien verändern sich mit der Zeit, durch Licht und Nutzung entstehen lebendige Spuren und Farbnuancen. In dieser Veränderlichkeit stecken Erinnerungen und Behagen. Wenn man will, spiegeln auch sie die Geschichte des eigenen Lebens wider. Und das gilt genauso für eine Arbeitsplatte aus Beton wie für eine aus Massivholz. Dennoch würde ich einen Kunden nie zu einem Material drängen, mit dem er überhaupt nicht glücklich wird. Klar, kann man auch mal Kunststoff einsetzen, aber ich würde ihn immer mit einem anderen Material kombinieren, damit es interessant bleibt. Eigene Möbel und Räume sind anpassbar, individuell, das sollte sich auch in der Wahl der Rohstoffe zeigen.

 

Das heißt, der Schritt vom Gelsenkirchener Barock zum Beton ist gar nicht so schwer?

Wer auf mich zukommt, ist offen für meine Materialien. Der Kunde hat sich ja schon mit meinen Arbeiten auseinandergesetzt. Klassischen Gelsenkirchener Barock könnte ich nicht, es sei denn, ich darf ihn kontrastierend inszenieren. Weder der Kunde noch ich sollen sich verbiegen müssen. Man muss schon eine gemeinsame Wellenlänge haben.

 

Wie funktioniert dieses Treffen gegensätzlicher Wünschen, Wissensstände und Geschmäcker?

Indem ich die Erfahrungen des Kunden in den Entwurf integriere. Gespräche sind die Grundlage aller Entscheidungen. Was möchte der Kunde und warum? Ich schaue mir die Räumlichkeiten an, die Einrichtung, und versuche dann den Anspruch an Design, an Materialität und die Bedürfnisse des Kunden zusammenzuführen. Manchmal stecken mir Kunden auch nur ein Bild zu, mit dem Hinweiss, dies hätte sie berührt. Aus einem manchmal auch nur diffusen Gefühl des Kunden ein Möbel oder einen Raum zu extrahieren, ist dann meine Aufgabe. Ich biete meist zwei bis drei Entwürfe. Mein Vorteil der Außensicht führt oft auch bei Kunden mit sehr konkreten Vorstellungen dazu, dass sie sich von gänzlich anderen, vorher nie erwogenen Lösungen angesprochen fühlen.

 

Sie nennen Ihren Ansatz »Raum für Design«. Was verstehen Sie darunter?

Das ist bewusst doppeldeutig. Zum einen ist da ein Raum, den ich gestalte. Die Kunden geben mir ihren Raum, um ihn zu designen oder mit Möbeln zu inszenieren. Zum anderen geht es auch gedanklich um den Raum, den ich dem Design gebe. Es ist also ein kreativer Freiraum im wörtlichen wie auch abstrakten Sinn, den ich gemeinsam mit dem Kunden bespiele. Und drittens, in die Zukunft gedacht, schwebt mir ein Büro vor, in dem meine Möbel ausgestellt sind und in dem ich interdisziplinär mit kreativen Menschen zusammenarbeiten kann, einer Modedesignerin zum Beispiel, oder einem Kunstschlosser.

 

Gibt es den perfekt gestalteten Raum?

Nein. Das ist immer ein Prozess. Nichts ist für ewig. Und immer von ganz vielen Randbedingungen abhängig: Platz, Budget, Lebensphase des Kunden, körperliche Bedürfnisse. Ein Raum kann immer nur für den Moment perfekt sein, sobald wir uns aber ändern, werden wir den Raum anpassen.

 

 

Bei Ihnen scheint es immer einen Tick anders, richtig?

Ich breche gern aus dem Gewohnten aus, denke lieber nochmal um die Ecke. Ich will kein Mainstream sein. Auch aus Respekt vor dem Gegenüber. Ich begegne Menschen immer auf gleicher Augenhöhe. Zuhören, bevor man agiert, hilft in allen Lebenslagen. Auch beim Angebot der optimalen Lösung. Meine Kunden setzen ein großes Vertrauen in mich. Schliesslich werden sie in den von mir gestalteten Räumen oder mit dem von mir gefertigten Möbelstück bestenfalls viel Zeit verbringen.